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Ein Vergleich 10/03

Ein Vergleich vom 12. Oktober 2003
Alle Bilder auf dieser Seite können durch anklicken vergrössert werden und sind mit einer kurzen Beschreibung versehen.

Liebe Freunde,

der 90. Geburtstag meiner Großmutter, Helene Schwellenberg, ist mir heute Anlass einen Vergleich anzustellen, zwischen dem Leben eines zehnjährigen Mädchens im Afrika von heute und dem eines zehnjährigen Mädchens im Deutschland vor 80 Jahren, als meine Großmutter in eben diesem Alter war.
Deutschland, 1923. Der erste Weltkrieg lag gerade 5 Jahre zurück und ebenso die Geburt der ersten deutschen Demokratie. Friedrich Ebert war Reichspräsident, Frankreich besetzte das Ruhrgebiet, Hitler putschte in München und die wahnwitzige Inflation erreichte im November ihren Höhepunkt.
Helene besuchte die 4. Klasse der Dorfschule in Anraff, wo auch Ihre Familie lebte. Das Dorf war noch recht ursprünglich. Es gab zwar bereits Elektrizität und Wasser in den meisten Häusern, aber geteerte Strassen oder eine Kanalisation nicht. Ein Badezimmer oder WC besaß zu dieser Zeit noch niemand. Das Leben für Helene und ihre 13 Geschwister war von harter Arbeit geprägt, Arbeit um das tägliche Essen, Kleidung, Heizmaterial. Der Vater, ein Maurer-Polier, hatte es trotz der vielen Kinder und den schlechten Zeiten geschafft ein Haus zubauen. Freizeit war kaum vorhanden, Geld, um es darin auszugeben, schon gar nicht. Wer hatte schon Geld? Als die Mutter in diesem Jahr das 15. Kind wie üblich zu Hause gebar, kam es zu Komplikationen. Während des Transportes der Hochschwangeren mit einem Pferdefuhrwerk in das wildunger Krankenhaus, verstarben Mutter und Kind. Sie hätten sicher überlebt, wäre rechtzeitig vor der Geburt das Krankenhaus aufgesucht worden, aber wer wollte das bezahlen? Eine Krankenversicherung gab es höchstens auf dem Papier. Soziale Systeme wurden zwar bereits seit 1883 eingeführt, griffen aber erst langsam und zunächst bei den Industriearbeitern in den großen Städten. Alles in allem waren die Zeiten sehr schwer und vom täglichen Kampf ums Überleben bestimmt - die Zukunftsaussichten mehr als trübe.
Togo, 2003. Seit der Unabhängigkeit von der einstigen Kolonialmacht Frankreich, vor ca. 40 Jahren, bemüht man sich eine Demokratie einzuführen – größtes Problem dabei ist Diktator Eyadéma, der seit 37 Jahren durch Betrug, Gewalt und die dubiose Unterstützung Frankreichs an der Macht ist. 1993 gab es starke Umsturzbewegungen die jedoch blutig (Amnesty International geht von 1.500 bis 5.000 Ermordeten aus) niedergeschlagen wurden. 2003 waren auch wieder sogenannte Wahlen - diesmal gab es mindestens 9 Tote. Das Land gehört mit einem Pro-Kopf-Einkommen von 240 $ / Jahr zu den ärmsten Nationen der Welt.
Die zehnjährige Farida Hazemdji besucht die 3. Klasse der evangelischen Grundschule in Kpalimé. Kpalimé liegt im fruchtbarsten Teil Togos und kann seine Einwohner ausreichend ernähren. Die Infrastruktur ist etwa der Anraffs aus dem Jahre 1923 zu vergleichen. Farida ist die jüngste von 4 Geschwistern und wohnt mit ihrer Familie in einem kleinen Haus mit zwei Zimmern, ohne Bad oder Küche. Der Vater, ein Lehrer, verdient etwa 75,- EUR im Monat und gehört somit zu den Besserverdienenden im Lande. Trotzdem reicht das Geld hinten und vorne nicht aus. Alle müssen hart mitarbeiten, damit die Familie genug zu Essen und ausreichend Kleidung hat. Krankheiten dürfen nicht dazwischen kommen, denn eine Krankenversicherung oder andere soziale Systeme gibt es in Togo nicht. Zwar kann ihr Vater die nötigen Medikamente kaufen (ca. 3,- EUR), wenn Farida an einer Malaria erkrankt, aber bei etwas Größerem, z.B. einer Blinddarmoperation, wird es schon lebensgefährlich. Wer eine Operation nicht vorher bezahlt, kann nicht operiert werden.
Auch hier, wie in Deutschland vor 80 Jahren, sind die Zeiten schwer und es muss um das tägliche Überleben gekämpft werden. Auch hier in Togo sind die Zukunftsaussichten also mehr als trübe. Unterschiede gibt es im Grunde nicht.
Betrachtet man die Entwicklungen die Deutschland seit dieser Zeit durchgemacht hat, so kann man Farida nur wünschen, dass Sie eines Tages ebenfalls ihre Energie zu einem größeren Teil in die Ausgestaltung eines Lebens in Freiheit investieren kann, als täglich mit der Arbeit für die nötigsten Grundbedürfnisse beschäftigt zu sein. Außerdem bleibt ihr hoffentlich die Erfahrung eines Krieges erspart.
Beiden, meiner Großmutter und der kleinen Farida, wünsche ich Gesundheit und noch viele glückliche Lebensjahre.

Mir geht es hier gut und ich sende Euch allen

liebe Grüße

 
Togomas

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