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Von Dingen... 12/03

Von Dingen die man bisweilen vermisst, oder: Träume für das neue Jahr...

...der Radiowecker schaltet sich um 6.00 Uhr ein. Radio France International sendet die neuesten Nachrichten aus Westafrika. In Schleswig Holstein wurde erfolgreich ein Putsch niedergeschlagen. Schleswig Holstein? Na ja. Ich ziehe die Vorhänge zurück und sehe den Allrad Pick-Up auf dem Hof meines Fachwerkhauses stehen. Der DED könnte mir auch mal ein neues Auto geben. Die ersten Sonnenstrahlen krabbeln über den Wellener Wald und tauchen Anraff in ein frisches gelbes Licht. Nicht weit von meinem Fenster klettert Stellmachers Willi, eine Machete zwischen die Zähne geklemmt, auf die Kokospalme in seinem Garten, um einige der großen Früchte abzuschlagen. Er winkt mir freudestrahlend zu „Kerle Thomas, wett dann au’n poor Kokosnisse?“ Kokosnüsse. Nein, Kokosnüsse nicht. Heute ist Sylvester, da gönne ich mir etwas Besonderes! Ich fahre jetzt zum Metzger und hole mir ein frisches Brötchen mit Gehacktem und Zwiebeln. Au ja, und eine Buttermilch. Mann, wie lange hab´ ich schon kein Gehacktenbrötchen mehr gegessen! Ich knöpfe mein Khaki-Hemd zu und gehe zum Wagen. Da kommt ja Buhschmidts Marta das Dorf runter. Was hat die denn auf dem Kopf? Stellmachers Willi, meldet sich von der Kokospalme „Kerle Marta, host je so hibsche Mangos in dinner Schissel uf’n Koppe!“ – „Jo jo, die honn ich us’n Bachraben!“ Aha, aus dem Bachgraben. Ich fahre jetzt besser los. Unter dem großen Affenbrotbaum an der Telefonzelle stehen einige Frauen beim Wasserholen Schlange. Mit großen Schüsseln auf den Köpfen warten sie darauf an die Zapfstelle zukommen, um die Schüsseln stehend, und weiterhin auf dem Kopf balancierend, von einem hoch angebrachten Wasserhahn befüllen zulassen. Eingewickelt in bunte Stofftücher, und drei oder vier von ihnen mit ihrem Baby im Huckepack, winken sie mir freundlich zu. Soso, da hat man also diese Technik, alles was transportiert werden muss in großen Schüsseln auf dem Kopf zu tragen, von den Afrikanern übernommen. Knüppels Marie und Hintzemanns Emma sitzen mit einem großen Haufen Ingjam-Knollen, die sie lautstark anpreisen, an der Bushaltestelle vor dem Dorfgemeinschaftshaus. Seltsam. Was ist denn bloß hier los? Als ich auf der Landstraße bin schlängelt sich eine grüne Mamba hastig über die Strasse und ständig muss ich Ziegen und Schafen ausweichen. Ich kann nur noch an Gehacktenbrötchen denken. Ein schrottreifes Buschtaxi, das in besseren Zeiten als Kleinbus in Europa lief, kommt mir auf meiner Seite mit völlig überhöhter Geschwindigkeit entgegen. Komisch, ich bin doch in Europa! Das Gepäck stapelt sich fast 2 Meter hoch auf dem Dach des mit 20 Insassen völlig überladenen Vehikels. Bedrohlich schwankend und mit gelassen blickendem Fahrer hinter dem Steuer zischt es an mir vorbei. Puh, das war knapp. Da wären wir. Metzgerei Schultze. Weit bekannt für ihre Waldecker Wurstspezialitäten. Als ich zur Tür eintrete verabschiedet Frau Schultze gerade eine Kundin – aber nicht auf Deutsch, sondern auf Ewe!!! Das ist doch eine afrikanische Sprache! „Akpé, Miadogooo“ trällert die nette Metzgerin hinterher und im gleichen Atemzuge „Wuesooh“ mir entgegen. Na egal. „Guten Morgen, ein Brötchen mit Gehacktem und Zwiebeln bitte.“ Verständnislos und mit hochgezogenen Schultern blickt sie mich an „Kukudede?“. Das gibt’s doch nicht! Vielleicht versteht sie ja Französisch „Bonjour Madame“ – wieder nur Achselzucken. Ich werde gleich verrückt. Wie komme ich denn jetzt an ein Brötchen??? Versuche per Handzeichen ein Gehacktenbrötchen mit Zwiebeln darzustellen, gestikuliere wild in der Luft herum, rede in Englisch auf sie ein. Nach 10 Minuten immer noch kein Erfolg. Ich werde langsam traurig. Aber da! Da kommt ja Stellmachers Willi! Der wird mir helfen. „Kerle Thomas, gickest je so betröppelt!“ Ich erkläre ihm verzweifelt mein Problem. Sofort und voller Hilfsbereitschaft wendet er sich der Metzgerin zu „Kerle Lisbett, gäb än mo’n Gehacketeswecke!“ Anämisch schaue ich zu wie die fröhliche Frau Schultze mit der Machete ein knuspriges Brötchen aufschneidet, es mit Gehacktem und Zwiebeln füllt und mir über den Tresen reicht. Kann mein Glück nicht fassen. Endlich. Ich will gerade reinbeißen, als sich der Radiowecker einschaltet und Radio France International die ersten Nachrichten des neuen Jahres aus Westafrika sendet. Das Brötchen in meiner Hand löst sich in Luft auf. Ich bin aufgewacht. Man hat schon manchmal seltsame Träume...

(Alle aufgeführten Namen entspringen meiner Phantasie und etwaige Verwechselungen sind unbeabsichtigt! Wuesooh = Willkommen; Miadogo = Auf Wiedersehen; Kukudede = Bitte; Akpé = Danke; Gehacketeswecke = Gehacktenbrötchen)


Ein frohes neues Jahr aus Togo

Thomas Ludwig


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